Von der Barmherzigkeit Gottes leben

An die Krippe des Christuskindes können wir nicht treten,
wie an die Wiege eines anderen Kindes,
sondern wer an seine Krippe gehen will,
mit dem geht etwas vor, der kann nur gerichtet
oder erlöst wieder von ihr fort gehen,
der muß hier entweder zusammenbrechen
oder er weiß die Barmherzigkeit Gottes sich zugewandt.

Was heißt das?
Ist das nicht alles Redensart,
pastorale Übertreibung einer schönen frommen Legende?

Was heißt es,
daß solche Dinge vom Christuskind gesagt werden?

Wer es als Redensart nehmen will, der tue es
und feiere Advent und Weihnachten weiterhin
so heidnisch unbeteiligt wie bisher.

Uns ist es keine Redensart.
Denn das ist es ja, daß es Gott selbst ist,
der Herr und Schöpfer aller Dinge, der hier so gering wird,
der hier in den Winkel, in die Verborgenheit,
in die Unansehnlichkeit der Welt eingeht,
der in der Hilflosigkeit und Wehrlosigkeit des Kindes uns begegnen
und unter uns sein will –
und das nicht aus Tändelei, aus Spielerei, weil wir das so rührend finden,
sondern um uns zu zeigen, wo er sei und wer er sei,
und um von diesem Ort aus alles menschliche Großseinwollen
zu richten, und zu entwerten, zu entthronen.
Der Thron Gottes in der Welt ist nicht auf den menschlichen Thronen,
sondern in den menschlichen Abgründen und Tiefen, in der Krippe.
Um seinen Thron herum stehen nicht schmeichelnde Vasallen,
sondern dunkle, unbekannte, fragwürdige Gestalten,
die sich an diesem Wunder nicht satt sehen können
und ganz von der Barmherzigkeit Gottes leben wollen.

Dietrich Bonhoeffer